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Von Smokey Eyes bis Sixpack

Eigentlich war der Plan, mir ein paar Apps runterzuladen und einfach ein paar Selfies damit zu bearbeiten. Also auf in den AppStore und nach Beauty-Apps gesucht; die sind ja bestimmt für jeden gedacht, richtig? Scheinbar falsch.

Es mag mir vielleicht nur so vorkommen, aber die erste Suche erweckt einen anderen Eindruck: rote Lippen, schimmernde Haut, lange Wimpern, Make-Up oder irgendwelche Glitzereffekte – mutmaßliche Zielgruppe: Mädchen und junge Frauen.
Egal, denke ich, lade mir fröhlich Perfect365 runter und tatsächlich: 365 abgestorbene Gehirnzellen später ist das Smokey Eye on fleek!

Ich suche ein bisschen weiter und finde dann auch direkt andere Apps, die einem ermöglichen sein Gesicht…  geschlechtsneutral zu verändern…?
Perfekt, denke ich und lade mir  schon weniger fröhlich als zuvor Facetune2 runter. Jetzt kann es losgehen, richtig? Wieder falsch. Die meisten Werkzeuge sind nur in der VIP-Version verfügbar, die man sich in-App kaufen kann (Schönheit hat ihren Preis) und  bei vielen der Werkzeuge, die verfügbar sind, verstehe ich entweder nicht, wie sie funktionieren oder was sie eigentlich bewirken sollen. Facetune2 wird also direkt wieder gelöscht.

Weiter geht die Suche und siehe da: meine Wünsche wurden erhört und ich finde:

 

Fantastisch –  genau was ich gesucht habe. Wieso sollte ich nur mein Gesicht verändern, wenn ich gleich den ganzen Körper bearbeiten kann?! Ich zaubere mir also prompt „Bauch- & andere Muskeln“, wer wäre ich denn sonst im Internet? Niemand! Ich komme aber zu dem Schluss, dass ich dieses Bild nicht im Internet wissen will. Das Bild wird gelöscht. Die App gleich hinterher.

An diesem Punkt weiß ich nicht mehr, ob ich weinen oder kotzen will. Ich bin in einer Abwärtsspirale aus „Darf dir MANLY Mitteilungen senden?“, „Facetune2 benötigt Zugriff auf deine Kontaktliste“ und dem konstanten Gedanken im Hinterkopf, dass es unmöglich irgendjemanden geben kann, der diese Apps benutzt, ohne sich in irgendeiner Art und Weise dazu verpflichtet zu fühlen. Welche Motivation steckt dahinter? Akzeptiert zu werden? Dazuzugehören? Anstatt ein Bild, das mir optisch nicht gefällt, einfach nicht hochzuladen, kann ich es jetzt so sehr verändern, dass ich es trotzdem hochladen kann.

Eigentlich würde mich das ja auch alles gar nicht jucken. Ganz nach dem Motto: Solange man damit niemandem wehtut, geht das schon klar. Aber ich habe das Gefühl, dass diese unrealisitischen, bearbeiteten Bilder, die man täglich sieht einen enormen Druck aufbauen und das ist nicht nur schade, sondern auch ungesund und unter Umständen bestimmt auch gefährlich.

Die heutigen Schönheitsideale sind so unrealisitisch, dass man sie quasi nie erreichen kann, also warum mit Gesichts-Aufhübschung rumschlagen, wenn man sich auch so akzeptieren kann, wie man wirklich aussieht? Sonst sehen irgendwann alle Bilder noch gleicher aus, als sie es teilweise ohnehin schon tun.

Wenn nicht der unwahrscheinlichen Fall eintritt, dass eine App rauskommt, die mich aussehen lässt wie Handsome Squidward, wird das wohl vorerst das letzte Mal gewesen sein, dass ich mir so eine App runtergeladen habe.

Handsome Squidward (Spongebob Squarepants)

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1 Kommentar

  1. Esti 1. Juli 2018

    Super lustiger Beitrag. 😀
    Mir gefällt, wie du uns an deinem Suchprozess teilhaben lässt und dein Fazit sehr.
    Dieses ganze Bearbeiten von Bildern, Nase schmaler machen, Augen größer, bis alles vermeintlich perfekt ist, ist in unserer Generation wirklich ein Problem, das sich wirklich negativ auf unsere Selbstwahrnehmung und auf unsere Gefühle auswirken kann… Da stimmt ich dir voll und ganz zu.

    Super Schreibstil!

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