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2005 vs. 2017

Zum Thema „Alte vs. neue Fotos“ habe ich zwei Fotografien von mir mitgebracht. Das erste Bild ist im Juli 2005 enstanden – damals war ich auf Klassenfahrt in London. Es war das erste Mal, dass ich in der englischen Metropole war und dementsprechend habe ich natürlich viele Bilder gemacht. Doch ich war noch nicht in Besitz einer guten Kamera: „Digital? Was ist das?“ Die gute alte Filmrolle, die man noch zurückdrehen musste, wenn sie voll war – ja, das war mein 2005.

So ging es damals wahrscheinlich noch den meisten Leuten: Man schoss Bilder von Sehenswürdigkeiten, Personen oder Events und das Spannende daran war, dass man nicht wusste, was dabei raus kommt – Ist der Fokus richtig gesetzt oder ist das Bild einfach nur verschwommen? Und wer kennt ihn nicht, den guten alten Finger im Bild? Heute würde man das wohl fast als „Leben am Limit“ bezeichnen, aber vor dem digitalen Zeitalter war das doch für alle normal. Das Wichtigste war, die schönen Momente festhalten und später mit den Liebsten teilen zu können.

Tja, und dabei kam dann eben auch mal sowas raus:

Tower Bridge 2005

Zuhause war man dann meistens total enttäuscht, wenn man die entwickelten Bilder abgeholt hat. Aber was sollte man machen?

Doch dann kam das digitale Zeitalter – der Wendepunkt. Plötzlich besaß jeder eine Digitalkamera. Zoomen, fokussieren, Bildausschnitt wählen – das alles war kein Problem mehr. Und das absolut Beste daran: Man konnte sofort auf dem (winzigen) Bildschirm sehen, ob ein Foto gut oder schlecht gelungen war. „Das gefällt mir nicht, das lösche ich.“ Ja, die Welt war plötzlich viel einfacher: Keine Sorge mehr, ob der Film für den ganzen Urlaub reicht oder ob man in einem fremden Land ein kleines Vermögen für eine weitere Rolle ausgeben muss. Die Gedanken waren jetzt  ganz bei der Motivwahl.

Und umso weiter das digitale Zeitalter voranschreitet, desto wichtiger scheint genau das zu sein: Welches Motiv fotografiere ich? Mittlerweile besitzt wahrscheinlich jeder zweite Deutsche eine Spiegelreflexkamera oder eine Systemkamera. Dazu gehöre auch ich. Und ja, ich gebe zu, meine Gedanken haben sich verändert: Von „Wow, wie schön, dass muss ich Mama und Papa zeigen“ geht es weg zu „Das ist mega aus. Wie viele Likes ich dafür wohl bekomme?“

Es ist etwas traurig, muss ich zugeben. Und ich versuche wirklich, nicht so zu denken. Ich möchte Bilder für mich und meine Liebsten machen, damit ich in 50 Jahren eine schöne Erinnerung an mein Leben habe. Aber das Vergleichen und das „Angeben“ nehmen immer mehr zu. Es ist mittlerweile wichtig, dass jeder, der mir auf einem Social Media-Kanal folgt weiß, dass ICH im Urlaub bin. Und der arme Wurm, der meine Bilder auf dem Screen anschaut, der muss arbeiten. ICH habe eine schöne Zeit, MEIN Leben ist besser als deins. Jeder zeigt nur die guten Seiten, dabei durchläuft jeder auch schlechte Phasen. Ist doch ganz normal – aber genau das möchte niemand teilen.

Stattdessen beschäftigt sich jeder mit den beliebtesten Bildbearbeitungsprogrammen, sitzt stundenlang vor dem Monitor und schiebt an den Reglern bis alles perfekt ist. Es gibt keine verschwommenen Bilder mit dem Finger in der oberen linken Ecke mehr. Das wäre ja nicht cool, das wäre nicht mein Leben aus dem besten Blickwinkel. „Ein Bild ist nicht gelungen? Gut, dann lösche ich es. Ich habe ja noch 1.000 andere Aufnahmen.“ Die digitale Filmrolle ist eben nicht nach 30 Versuchen voll.

Tower Bridge 2017

– Sabrina

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1 Kommentar

  1. Valentina 13. Mai 2018

    Ich finde es sehr interessant, dass du zwei Bilder ausgewählt hast die du selbst aufgenommen hast und, dass man, obwohl „nur“ 12 Jahre zwischen den beiden Bildern liegen, so große Unterschiede erkennen kann. Du bist gut auf die Neuerungen der Technik eingegangen und genauso auf die Veränderungen der Mentalität bezüglich Fotos.
    Natürlich ist es traurig, dass viele sich nur Gedanken darüber machen wie viele Likes sie bekommen aber ich finde man muss das Teilen von Bildern auf Social Media nicht immer so negativ darstellen. Ursprünglich ist es ja doch dazu gedacht, schöne Momente oder das eigene Leben mit Freunden zu teilen und sich darüber auszutauschen, das muss man sich nicht durch das Bild das heutzutage viele von Social Media haben „versauen“ lassen.

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